Nachhaltigkeit strategisch verankern – Erfahrungen aus der Praxis bei Norafin Industries (Germany) GmbH

Norafin Industries (Germany) GmbH

Beschäftigte: 200

Ort: Erzgebirge, Mildenau

Branche: Textil

Website: www.norafin.com

AUFGABEN

  • Systematische und methodische Begleitung bei der Etablierung eines unternehmensspezifischen Nachhaltigkeitsmanagements

ZIEL

  • Etablierung der Thematik Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil der Unternehmensstrategie
  • Sichtbare Veränderungen hervorbringen
  • Grundlagen für den Nachhaltigkeitsbericht schaffen

Die Einführung eines Nachhaltigkeitsmanagements erfordert einen gut strukturierten und systemisch gedachten Einstieg. Nur wenn ökologische, ökonomische und soziale Aspekte ganzheitlich in bestehende Prozesse integriert werden, kann Nachhaltigkeit wirksam im Unternehmen verankert werden und dauerhaft wirken. Im Rahmen einer intensiven Zusammenarbeit mit Norafin Industries wurde ein solcher Ansatz bedürfnisorientiert und praxisnah umgesetzt. Ziel war es, Nachhaltigkeit nicht als Zusatzaufgabe, sondern als integralen Bestandteil der Unternehmensstrategie zu etablieren. Entwickelt und begleitet wurde dieser ganzheitliche Prozess durch Aline Lohse und Stefanie Rockstroh von der Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement der Technischen Universität Chemnitz.

Die folgenden vier Schritte zeigen exemplarisch, wie kleine und mittlere Unternehmen Nachhaltigkeit strukturiert, glaubwürdig und wirkungsvoll in ihren Betriebsalltag integrieren können. Im Rahmen dieser Schritte entwickelten die Projektmitarbeiterinnen Workshopkonzepte und zusätzliche Arbeitsmaterialien, die für die Zielerreichung als Unterstützung dienten.

Schritt 1: Strategische Grundlage schaffen

Ein zentraler erster Schritt war der Aufbau eines unternehmensinternen Nachhaltigkeitsteams, das als zentrale Koordinationsstelle fungierte und sämtliche Aktivitäten bündelte. Dieses Team übernahm die Verantwortung für die Planung, Steuerung und Weiterentwicklung aller Nachhaltigkeitsthemen im Unternehmen. Im Prozess orientierte man sich an internationalen Standards als auch an den individuellen Rahmenbedingungen des Unternehmens. Der strukturierte Einstieg erfolgte u. a. über die durchgeführte doppelte Wesentlichkeitsanalyse. Dabei wurde in gezielten Dialogen mit internen (Mitarbeitdende und Führungskräfte) und externen Stakeholdern (regionale Akteure, Lieferanten, Kund:innen) getreten. Ergänzend wurde intern eine sutainableSWOT-Analyse erstellt, die Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken im Nachhaltig-keitskontext beleuchtete. Eine Bestandsaufnahme aller bestehenden ESG-Aktivitäten rundete diesen strategischen Auftakt ab und diente als Grundlage für die weitere Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie. Das Thema Datensammlung und -aufbereitung für den Nachhaltigkeitskontext spielte in diesem Schritt ebenso eine wichtige Rolle. Integration der Datenerfassung erfolgte durch die Anpassung des Prozessmanagements.

Schritt 2: Relevantes erkennen und priorisieren

Die im Rahmen der Analyse gewonnenen Erkenntnisse wurden systematisch ausgewertet und in ein unternehmensspezifisches Zielbild auf Basis der Sustainable Development Goals (SDGs) überführt. Des Weiteren entstand eine priorisierte Übersicht der wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen. Das Zielbild und die wesentlichen Themen berücksichtigen die Erwartungen interner und externer Stakeholder als auch die strategischen Unternehmensziele. Parallel wurde die IT-Infrastruktur angepasst und diverse Tools gestest, um einen einheitlichen Ort für alle relevanten Daten zu schaffen.

Schritt 3: Nachhaltigkeit im Arbeitsalltag verankern

Um Nachhaltigkeit im operativen Geschäft wirksam umzusetzen, wurden zentrale Unternehmensbereiche (z. B. Personal, IT, Einkauf, Produktion) schrittweise auf nachhaltige Prinzipien ausgerichtet. Besonderer Fokus lag dabei auf dem Lieferkettenmanagement, dem Umwelt- und Ressourcenmanagement sowie der aktiven Einbindung der Mitarbeitenden. Ein zentrales Instrument war die Einführung einer Ökobilanzierung entlang der Lieferkette. Dabei wurden die Scope-1-, Scope-2- und insbesondere Scope-3-Emissionen systematisch erhoben. Letzteres mit Blick auf vor- und nachgelagerte Prozesse, also beispielsweise Rohstoffe, Logistik oder Produktnutzung. Das Life Cycle Assessment orientierte sich am GHG-Protokoll und wurde durch den Equity-Share-Ansatz auf Gruppenebene sowie durch den operativen Kontrollansatz in den Tochterunternehmen umgesetzt. Die dazu notwendige Datenerfassung wurde fest in das Prozessmanagement integriert und bildet heute die Grundlage für Entscheidungen und gezielte Emissionsreduktionen entlang der gesamten Lieferkette. In Rahmen von Workshops wurden Emissionsdaten gesammelt und nach dem GHG-Protokoll kategorisiert. Erste Ergebnisse zeigten, dass 75 % der erfassten Emissionen aus zugekaufter Energie stammen, während viele Scope-3-Kategorien noch unvollständig sind. Herausforderungen bestehen vor allem in der Datenerhebung, fehlender interner Kommunikation und unzureichenden digitalen Lösungen. Demnach besteht die Notwendigkeit einer strukturierten Berichterstattung und softwaregestützter Datenerfassung, um CO2-Reduktion aktiv zu fördern.

 

Parallel wurden Schulungen und Beteiligungsformate für Mitarbeitende durchgeführt, um Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe im Arbeitsalltag zu verankern und das Bewusstsein für soziale sowie ökologische Verantwortung im Unternehmen zu stärken. Ein wichtiger Schritt, die Nachhaltigkeit im Arbeitsalltag und in den Köpfen der Mitarbeitenden zu verankern ist, eine eigene innere Haltung zu entwickeln. Im Workshop zur „Inneren Haltung“ wurde die die Sensibilisierung für das Thema Nachhaltigkeit im Unternehmen sowie die Reflexion der eigenen Führungsrolle und des persönlichen Handlungsspielraums fokussiert. Der Workshop machte deutlich, dass tiefgreifender Wandel nicht nur technische oder strukturelle Maßnahmen erfordert, sondern ebenso eine Veränderung von Denkweisen und innerer Haltung, insbesondere auf Führungskräfteebene.

„Wenn wir unsere Art, zu arbeiten, verändern wollen, müssen wir uns auf allen Ebenen weiterentwickeln. Wenn Strukturen und Prozesse geändert werden, dann müssen auch Denkmuster und Haltungen der Menschen in den Blick genommen werden. Kein Wandel im Unternehmen ohne innere Entwicklung der Mitarbeitenden und der Führungskräfte.“ – Dr. Angelika Trübswetter, Business-Coach –

Schritt 4: Berichten und kontinuierlich verbessern

Ein tragfähiges Nachhaltigkeitsmanagement basiert auf belastbaren Daten. Deshalb wurden geeignete Kennzahlen entwickelt, um Fortschritte messbar und steuerbar zu machen. Diese Zahlen bilden die Grundlage für eine transparente Nachhaltigkeitsberichterstattung, sowohl intern als auch gegenüber Kund:innen, Geschäftspartnern und weiteren Stakeholdern. In der Praxis wurde hierfür eine strukturierte Datenerfassung insbesondere für Scope-3-Kategorien aufgebaut. Durch den kontinuierlichen Dialog über Methoden, Datenqualität und Zielwerte konnte die Datenkommunikation intern wie extern verbessert werden. Alle Aktivitäten und Ergebnisse wurden so dokumentiert, dass diese Inhalte in den Nachhaltigkeitsbericht einfließen können.

Vorteile von Nachhaltigkeit im Unternehmen

Ein systematisches Nachhaltigkeitsmanagement unterstützt aktiv die Wettbewerbsfähigkeit und langfristige Existenz des Unternehmens durch eine ausgewogene Verbindung ökonomischer und ökologischer Faktoren. Es können neue Marktchancen erschloßen, Risiken frühzeitig erkannt und nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelt werden. Ein fundiertes Nachhaltigkeits-management trägt aktiv zum Schutz natürlicher Lebensgrundlagen bei und unterstreicht das soziale Engagement des Unternehmens gegenüber Mitarbeitenden, Kund:innen und der Gesellschaft. Nachhaltigkeitsorientierte Unternehmen sind für qualifizierte Fachkräfte besonders attraktiv. Insbesondere für jüngere Generationen, die verstärkt auf Werte, Sinn und Verant-wortung achten. Dieser strukturierte, dokumentierte Ansatz ermöglicht Transparenz, eine klare Abgrenzung zum Greenwashing und schafft nachvollziehbare, überprüfbare Ergebnisse. Eine offene Kommunikation der eigenen Nachhaltigkeitsleistungen stärkt zudem das Vertrauen von Kund:innen, Geschäftspartnern und Öffentlichkeit. Zusätzlich eröffnen Kooperationen mit Hochschulen, regionalen Partnern oder Brancheninitiativen wertvolle Zugänge zu neuen Ideen, Technologien und Forschungsergebnissen. Nachhaltigkeit kann dadurch über das eigene Unternehmen hinaus zum Innovationsmotor werden.

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